Alltag eines Langzeit-Reisenden 2. Frisörbesuche

25 Sep

Bericht von Dag

Unsere neuen Haarschnitte hatten in unserem letzten Artikel ja zu regen Diskussionen geführt. Aber ein vernünftiger Haarschnitt ist auf einer Langzeitreise in Afrika ein echtes Problem.

Frisöre gibt es hier wie Sand am Meer. Jedes noch so kleine Dorf hat auch ein paar Bretterbuden mit tollen Namen wie „Beauty Hair Salon“, „Best Hair“ oder „Special Cut“. Nun haben wir zwar keine Berührungsängste, aber diese selbsternannten Frisöre haben ihre Erfahrung nur mit afrikanischem Haar gemacht, was bekanntlich ganz anders ist als europäisches Haar.

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Geschnitten wird zumeist mit der Haarschneidemaschine und nicht mit der Schere. Besucht man nun einen derartigen Frisör, so ist der erst einmal mächtig stolz, dass ein Mzungu (Weißer, auf Kisuaheli in der Übersetzung “Rumtreiber“) zum Haare schneiden kommt. Am liebsten würde er wahrscheinlich direkt draußen an der Straße die Haare schneiden, damit das auch jeder im Dorf sieht, aber soweit reicht ja das Stromkabel nicht. Aha, denkt ihr jetzt, hört sich doch ganz modern an, so mit Strom und so. Also, fließendes Wasser gibt es bei den meisten Coiffeuren nicht, denn die Haar werden trocken geschnitten. Und das mit dem Strom ist so eine Sache. Manche holen ihn sich mit einem Kabel, welches sie mit der Hauptstromleitung der Straße verbinden. Das ist eine ziemlich heikle Angelegenheit. Andere haben aber auch alte Autobatterien und die ganz Fortschrittlichen besitzen ein kleines Solarpaneel.

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Wie macht man nun dem Frisör klar, wie man die Haar gerne hätte, wenn man nicht die selbe Sprache spricht. Da hilft, wie so oft, ein Foto. Eifrig wird das Foto in die Hand genommen, genickt und man holt sich dann noch die Meinung einiger Umstehender ein. Dann beginnt die eigentliche Aktion. Die Maschine surrt über den Kopf, der Frisör schiebt die Zunge zwischen die Lippen und schweigend bearbeitet er den Kopf. In diesem Augenblick ist man dann eigentlich ganz froh, dass man keinem Spiegel gegenüber sitzt. Wenn dann das Surren beendet ist und die Haare vom T-Shirt geblasen sind, liegt ein stolzes Grinsen auf seinem Gesicht. Er reicht eine Spiegelscherbe, damit man sein Werk bewundert kann.

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Das Maschinenschneideergebniss ist dann meist „so ganz O.K.“. Der Starhaarschnitt ist es nicht, aber bei einem Preis zwischen 50 Cent und 4,50 Euro meckert man dann doch nicht. Man wird freundlich verabschiedet mit einem „See you again“ und ist dann mal wieder für die nächsten 4 Wochen versorgt.

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Wenn diesen Artikel meine Frisörin Claudia liest, wird sie sich tot lachen. Seit über 20 Jahren schneidet sie mir alle 3-4 Wochen die Haare. Wie ich finde immer perfekt. Freiwillig habe ich noch nie den Frisör gewechselt. Nur zweimal in dieser langen Zeit wurde ich durch einen Umzug dazu gezwungen und einmal als Claudia die Hand gebrochen hatte. Nie würde ich auch nur auf die Idee kommen, mir die Ponyhaare selbst mit der Schere zu kürzen. Never!

Und damit komme ich nun zu unserer Haarscheidestory vom Strand von Tiwi Beach. Meine bessere Hälfte bitte mich um einen Haarschnitt. Nicht einfach nur kurz oder nur die Spitzen, nein, er möchte sein Walle-Haar gekürzt haben: oben lang, an den Seiten und im Nacken kurz und das Ganze schön stufig. So ein Schnitt geht mit der Maschine nicht. Also hole ich meine beste Schere raus und legen los. Wer über 20 Jahre Frisör-Erfahrung hat, muss das doch hinbekommen! Ich schnipple wie ein Weltmeister, er fragt warum das so lange dauert und nach rund 20 Minuten bin ICH mit dem Ergebnis zufrieden. Der Meine schaut in den Spiegel, dreht und wendet sich und strahlt mich dann an „Ja, so hatte ich es mir vorgestellt. Die halten ja sogar ohne Gel!“. Bezahlung ist zwar nicht, aber so ein Lob ist 1000mal mehr Wert als jeder Kenia-Schilling.

Meine Frisur lässt aber zu wünschen übrig. Von Natur aus mit vielen und kräftigen Haaren gesegnet, entwickeln diese bei einer bestimmten Länge ein gewisses Eigenleben. Heißt, nichts geht mehr und ich fühle mich dann, als ob ich ein Vogelnest auf dem Kopf hätte. Den Zustand hatte ich nun gerade erreicht. Das Wetter ist phantastisch, die Stimmung gut – so bitte ich Tom mir ebenfalls die Haar zu schneiden. Meine einzige Anweisung „kurz, aber nicht zu kurz“. Fleißig surrt die Maschine über meinen Kopf, er schiebt die Zunge zwischen die Lippen und schweigend bearbeitet er meinen Kopf. Nur kurz unterbrochen von einem „Uch, ach du Sch…“. In diesem Augenblick bin ich eigentlich ganz froh, dass ich keine Spiegel gegenüber sitze. Das Surren ist zu Ende, er bläst mir die Haar vom T-Shirt (viele, sehr viele Haare), lächelt mich an und meint „Schatz, Du kannst alles tragen!“. Ein Starhaarschnitt ist es nicht, aber sie sind wieder einfacher zu frisieren (trockenreiben mit dem Handtuch und alles passt) und bis zu Hause wieder nachgewachsen. Dann darf Claudia wieder in alter Tradition an meine Haare.

Schöne Grüße aus Kenia sendet Euch Dag

P.S. Meine Haarschneidekünste haben sich hingegen in der Travellerszene rumgesprochen. Es melden sich weitere Freiwillige für eine Haarschnitt bei mir. Im Augenblick mache ich es ja noch kostenlos, aber wenn der Andrang so bleibt, denke ich über eine Teilfinanzierung der Reise nach. Hier noch ein Bild von Karl-Heinz, der sich mir anvertraut hat.

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4 Antworten to “Alltag eines Langzeit-Reisenden 2. Frisörbesuche”

  1. gitjeshorst 25. September 2011 um 19:46 #

    Also,

    als Euer Zivilisationswiedereingliederungsberater rate ich Euch dringend von der Eröffnung eines Damen & Herren Friseursalons ab.
    Wir finden sicher eine andere spannende Aufgabe für Euch: Denke da an LKW Reparatur und Tuningwerkstatt mit Spraykunst von Dagmar. Das wird sicher ein toller Erfolg. Könnt Ihr Euch ja nochmal durch den Kopf und Haare gehen lassen.

    Weiterhin gute Fahrt und eine frische Brise um die freigelegten Ohren…

  2. Der Barbier von Sevilla 25. September 2011 um 20:14 #

    Cool – geht doch! Seit froh, das ihr euch nicht selber verarzten müsst. Obwohl, früher war ja der Chirurg und der Barbier eine Person.

  3. ritazittlau 26. September 2011 um 06:53 #

    Guten Morgen

    auch ich denke ihr solltet lieber eine andere Beschäftigung für euch suchen, aber es ist schon interessant zu hören wie die Frisöre ausgestattet sind. Ich war jetzt erstemal hier in Neuenhausen zum Frisör. Die erste Frage war Wo möchten sie sitzen möchten Sie die Haare vorwärts oder Rückwärts gewaschen haben. Naja ist ja nicht gerade super wichtig aber anders. Bis bald grüße Rita

  4. Rolf 27. September 2011 um 11:53 #

    Nach Lesen Eures Berichtes, habe ich zu mir selbst gesagt, Junge, Junge, bist du doch ein richtiger Glückspilz, hast du bei einem Afrikaaufenthalt, wegen deiner stark fortgeschrittenen Glatze, bestimmt keine Probleme mit Frisör und Haarschnitt. Macht gut. Rolf.

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