Auf ins koloniale Deutsche Reich

26 Mai

Bericht von Gerd

Heute berichte ich aus einer ganz anderen Gegend in Namibia, dem Lüderitz Distrikt. Unser Endpunkt für heute ist der Küstenort Lüderitz – die erste grössere deutsche Kolonialstadt in Südwestafrika.

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Der Abend in Keetmanshoop, immerhin 1000m über dem Meeresspiegel, bescherte uns sehr viel Wind und kühle bis kalte Temperaturen. Der Braai-Abend mit echten namibischen Rumpsteaks war recht kurz – wir müssen uns zum Essen in den White Rhino zurückziehen und die Heizung anmachen. Als Lagerfeuerwart fröne ich dem Mehrschichtbekleidungswahn und hüpfe rund ums Feuer, damit mir warm wird. Es war trotzdem sehr lecker und gemütlich im White Rhino Kasino.

Die Nacht in meiner Suite ist erfrischend, schnell fällt die Temperatur unter 10 Grad und ich ziehe meinen Schlafsack bis zur Nasenspitze. Die Tour-Leitung sprach im Kleingedruckten von der fehlenden Heizung in der Suite und von empfindlich kalten Nächten in Namibia – jetzt weiss ich was sie meinten. Der Wind schüttelt den White Rhino…

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Daher heisst es früh in Richtung Lüderitz aufbrechen, wo wir mehr Wärme erwarten. 300 km legen wir durch Hochebenen zurück. So weit das Auge reicht, sehen wir grüne bis silberfarbig schimmernde Landstriche, die sich am Horizont in der Unendlichkeit verlieren. Etwa 100 km vor Lüderitz besuchen wir die Kriegsgräberstätte in Aus, die uns eindrucksvoll die Schattenseiten der Kolonialzeit näher bringt. Dagmars „Bütterchen“ werden aus der „heavy duty onboard“ Bar gereicht.

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Weiter geht es entlang der Grenze zum Diamantensperrbezirk, wo ich öfter „raus muss“. Meiner Frau muss ich leider sagen: Ich bin (noch) nicht fündig geworden. Die Landschaft hat sich in eine lebensfeindliche Wüstenlandschaft verwandelt. Der goldgelbe Wüstensand fegt über die Strasse. Es sind noch 50 km bis zur Küste.

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Wir erreichen Lüderitz gegen 15:00 Uhr. Es ist Feiertag, Afrikatag. Der Reiseführer spricht von einer verschlafenen Stadt. Tatsächlich wirkt sie wie tot, keine Menschen auf der Strasse, alles geschlossen, kaum Autos unterwegs. Wir sprechen mit einem ehemaligen Einwohner mit deutschen Wurzeln, der die Stadt vor einiger Zeit mir seiner Familie verlassen hat und nun auf Besuch hier ist. Schnell wird klar, dass die neuerliche Blüte am Anfang des 21. Jahrhunderts wieder vorbei ist.

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Nach einer kurzen Stadtrunde (der Name kommt vom ersten deutschen Pionier, Herrn Lüderitz, 1884) mit einigen Relikten aus der goldenen Kolonialzeit geht es weiter zum Diaz Point – unserem Nachtlager direkt am Strand unter dem Leuchtturm. Wieder weht ein starker Südwestwind und der Lagerfeuerwart hat zwangsweise frei – Zuhause ist es sicher wärmer. Dafür werden wir mit einem exquisiten Sonnenuntergang über dem Atlantik belohnt. Es ist 18:00 namibischer Zeit und es ist stockfinster. Das warme Wasser im Camp wird mittels eines sogenannten Donkeys (per Feuer) zum Duschen bereitet. Wir haben das warme Wasser für morgen früh um 07:00 Uhr bestellt. Wieder ein Novum für einen Campingneuling wie mich. Die Dusche ist eine Kombination aus Räucherkammer und Holzverschlag. Na dann – ich gebe alles für das „Go-to-Africa“ Team. Ausser mir traut sich keiner.

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Mal schauen, wie der Rest des Abends wird, vielleicht gehe ich ja noch Diamanten schürfen. Dann komme ich als reicher Mann zurück – Diamonds are Gerd’s best friends…

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… aber nur für Plattenspieler Nadeln.

Dagmar kocht, und Thomas und ich haben wie jeden Morgen und Abend dann Spüldienst. Nun denn, morgen ist ein neuer Tag mit neuen Herausforderungen – sollte ich die Nacht überstehen. Und der Wind rüttelt am Rhino.

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7 Antworten to “Auf ins koloniale Deutsche Reich”

  1. Rainer & Anna 26. Mai 2011 um 11:27 #

    Hallo Gerd

    Die Qualität deiner Berichterstattung fügt sich nahtlos in die des White Rhino Teams ein.
    Klasse !
    Macht richtig Spaß zu lesen !

    • gotoafrica2010 26. Mai 2011 um 11:33 #

      Hallo Rainer, Anna und alle treuen Leser des Blogs!
      Es freut mich, dass meine „Urlaubsberichterstattung“ gefällt. Ich hoffe, dass ihr alle einen Eindruck vom Tagesablauf bekommt und auch ein wenig schmunzeln könnt. Ich verspreche weiterhin Nichts als die Wahrheit über das Leben eins Overlanders ans Tageslicht zu fördern.
      Gruss aus Lüderitz
      Gerd

  2. ritazittlau 26. Mai 2011 um 12:15 #

    Hallo
    ia ich sitze vor meinem Laden und schlürfe Espresso es ist schön warm bei uns. Aber deine Eindrücke Gerd werden wohl trotzdem sehr schön sein. Sag Dagmar bitte das ich mich sehr gefreut habe über die Glückwünsche die Antwort bekomme ich im Moment nicht raus. Versuche es aber noch einmal!
    Eine schöne Zeit wünscghe ich Euch dreien Bis bald Rita

  3. Johannes Schley 26. Mai 2011 um 13:27 #

    Ja Gerd es ist richtig lustig, Deine Beschreibung von vielen Kleinigkeiten, die das Leben auf so einer Reise richtig schön machen können. Vor allen Dingen, wenn man sie, so wie Du, entspannt und genussvoll wahrnimmt. Toll. Wenn Ihr schon mal da seid, wo gute Bekannte von mir wohnen (bei Windhuk) könntet Ihr sie mal besuchen und ganz lieb von mir grüßen. Die Familie Bierbrauer ist damals zur Kolonialzeit dort hin ausgewandert und hat sich reich vermehrt. Ich warte auf weitere solcher schönen Berichte. Danke

  4. Rolf 26. Mai 2011 um 17:55 #

    An den Lagerfeuerwart. So lange die Qualität der Berichterstattung nicht leidet, kann’s mit der afrikanischen Kälte doch nicht so ganz wild sein. Mache mir aber trotzdem ernsthaft Gedanken, wie ich auf die Schnelle einen dicken Daunenschlafsack nach Lüderitz schicken kann. Halte Dich bis da hin mit Diamantenschürferei warm. Lass Dich dabei nur nicht von den De Beers erwischen, die verstehen keinen Spass. Wärmeren Urlaub wünscht Rolf.

  5. Marion 26. Mai 2011 um 19:17 #

    Was soll ich sagen – ich bin begeistert über diese Berichte, jetzt bekommt man doch mal einen Eindruck vom Tagesablauf. Campingplatz, warme Quellen, Duschwasser über dem offenen Feuer erhitzt, Bütterchen…. SUPER! Besonders begeistert bin ich natürlich, dass mein Gatte mit der Schaufel unterwegs ist, um kleine weisse, blaue, gelbe oder schwarze Glitzersteinchen mit nach Hause zu bringen. Und – Gerd – die kommen ganz, ganz sicher nicht in den Arm des Plattespielers ( ist Arm richtig oder wie heisst das Teil???).
    Ich könnte jetzt einen Gegenbericht bringen und meine Tagesabläufe schildern, aber diese sind nicht annähernd so interessant. Wer wollte nicht schon mal unbedingt in einem Daunenschlafsack in oder hinter der Fahrerkabine eines LKW schlafen?:-))))
    Wünsche Euch weiterhin viel Spass, schöne Touren und spannende Erlebnisse.

  6. Paula+Gerd 29. Mai 2011 um 16:09 #

    Lieber Gerd,
    heute melden sich Deine Eltern um Dir zu sagen, wie toll wir Deine Erlebnisschilderungen finden. Wir freuen uns, dass Thomas und Dagmar Dir aus alter bestehender Freundschaft ermöglicht haben, einen Teil dieser Reise mit ihnen zu machen. Euer White Rhino ist wohl ein Luxus-Hotel mit gutem Team und Speisekarte. Toll! Das Bild des Gepards hat Deinen Vater so erschreckt, dass er zum Handy griff. Für Deine Rückmeldung „alles Bestens“ Danke. Wir verfolgen Eure Reiseroute in Deinem alten Schulatlas. Weiterhin schöne Erlebnisse und bleibt gesund. Deine Eltern

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