Afrikanischer Straßenalltag

25 Feb

Bericht von Dag

Wie oft seid Ihr im letzten Jahr von der Polizei angehalten worden? Keinmal? Wir in den letzten fünf Monaten sicherlich an die 100 Mal. Dass es nicht noch häufiger war, verdanken wir bestimmt dem großen Aufkleber auf unserem Rhino „Tourist“. Denn Polizeikontrollen sind afrikanischer Alltag.

Straßensperre in Ägypten

Straßensperre in Ägypten

Wird man bei uns in Deutschland angehalten, dann weiß man meist, dass man etwas verbrochen hat. Hier in Afrika werden eher Papiere wie der Führerschein oder die Zulassung für das Fahrzeug kontrolliert und bei uns ist es meistens reines Interesse. Fragen wie: Wie geht es Euch? Wo kommt ihr her? Wohin fahrt ihr? Nicht einmal wurden wir kontrolliert und hatten ein komisches Gefühl. Oft haben wir uns lachend und winkend von den Polizisten verabschiedet. Einmal haben wir hier in Malawi sogar einen Polizisten mit in die nächste Stadt genommen. Das hat uns dann die nächsten fünf Kontrollen sehr einfach gemacht. Stolz hat „unser“ Polizist aus dem Rhino gewunken – die Kollegen salutierten und wir konnten weiter fahren.
Das Fahren auf afrikanischen Straßen ist nicht immer einfach. Wir haben von der nagelneuen vierspurigen Teerstraße bis zur Steinstraße (Gravelroad) mit und ohne Löcher, über Sandpisten mit und ohne Wellblech oder auch Schlammpiste, schon einiges erlebt. Die Fahrweise muss dann halt immer dem Belag angepasst werden.

Perfekte Straße in Äthopien

Perfekte Straße in Äthopien

Äthopische Gravelroad

Äthopische Gravelroad

Was aber um einiges unberechenbarer ist, sind Tiere und Menschen. Da es hier ja kaum Individualverkehr gibt, transportiert der Afrikaner alles auf der Straße. Zu Fuß auf dem Kopf balancierend werden Wassereimer, Säcke oder auch der geschlossene Regenschirm getragen. Mit dem Fahrrad werden Personen, riesige Stapel an Holz oder auch mal Bananenstauden transportiert.

Frau mit Kind, Sack und Regenschirm

Frau mit Kind, Sack und Regenschirm

Frau mit Schüssel

Frau mit Schüssel

Wir haben Esels- und Rinderkarren gesehen, Handkarren und Lastkamele. Da die Dörfer hier ja auch direkt an der Lebensader „Straße“ liegen, muss man auch jederzeit mit Kindern, Hunden und Hühnern rechnen. In manchen Ländern gibt es daher vor und hinter den Dörfern zur Verkehrsberuhigung sogenannte „schlafende Polizisten“. Das sind Teerhubbel quer zu Straße, in unterschiedlichen Ausmaßen. Mal nur einer, dafür aber recht hoch. Mal fünf hinter einander und wenn man in Schrittgeschwindigkeit drüber rollt, hat man das Gefühl, der Wagen fällt auseinander. Ach, hatte ich schon gesagt, dass die Dinger im übrigen fast nie markiert sind? Hilfreich ist dann schon ein Matatu (kleiner Transportbus wie zum Beispiel ein Toyota Hiace zur Personenbeförderung) der vor so einer Barriere voll auf die Bremse steigt, um nach dem Hubbel dann wieder die Höchstgeschwindigkeit aufzunehmen.

Eimer, Musik und Fritten-Verkauf sowie Fahrradreparatur

Eimer, Musik und Fritten-Verkauf sowie Fahrradreparatur

Strasenszene in Äthopien

Strasenszene in Äthopien

Strassenszene in Malawi

Strassenszene in Malawi

Diese Herausforderungen nehmen wir jeden Tag an, aber eine alte Afrika-Regel besagt „nie in der Nacht“. Denn was am Tag schon manchmal zu haarigen Situationen führt, ist im Dunkeln nur schwer zu meistern. Denn Licht ins Dunkel bringt hier nur das eigene Fahrzeug. Straßenbeleuchtung gibt es kaum und beleuchtete Eselskarren oder Hühner haben wir auch noch nicht erlebt.

Fahrrad-Taxi-stand in Malawi

Fahrrad-Taxi-stand in Malawi

Nach fast 20.000 afrikanischen Straßenkilometern kennen wir auch schon ein wenig das Verhalten der „tierischen“ Verkehrsteilnehmer. Vor Affen auf der Straße braucht man kaum Angst zu haben. Sehen sie einen kommen, verlassen sie meist die Straße und schauen vom Rand, ob vielleicht mal eine Banane aus dem Auto fällt. Bei Hunden ist immer Vorsicht geboten, die sind manchmal recht dösig und entfernen sich erst spät von der Straße. Mit Hühnern haben wir die Erfahrung gemacht, dass die eher panisch sind und weglaufen. Unsere sehr speziellen Erfahrungen haben wir allerdings mit Eseln gemacht. Sind sie schwer beladen, dann trotten sie meist am Rand lang und sind somit berechenbar. Esel ohne Last sind aber stark selbstmordgefährdet. Gerade noch steht der Esel, im wahrsten Sinne des Wortes, mit hängendem Kopf neben der Straße, als er plötzlich und unerwartet beschließt die Straße zu queren. Kühe hingegen bilden kein Problem, sie folgen meist der Herde und bewegen sich gemächlich, aber eindeutig von der Straße. Ziegen sind ja auch Herdentiere – bei denen klappt das aber nicht immer so. So mache ist uns schon verzweifelt vors Auto gerannt, weil die „Freunde“ ja schon auf der anderen Seite sind.

Eselskarren, Menschen und Rhino

Eselskarren, Menschen und Rhino

Ein Buch können wir sicher auch bald über die motorisierten Teilnehmer am täglichen Straßenkampf schreiben. Und ein Kampf ist das manchmal nur um ein paar Zentimeter. Das erlebten wir zumeist in den Hauptstädten. Angeblich soll das in Kairo am schlimmsten sein, die Stadt haben wir dann auch wohl wissend ausgelassen. Aber wir glauben, dass Nairobi da sicherlich gut mithalten kann. Aus der Stadt haben wir dann auch unsere bisher einzigen Kratzer am Rhino. In der Hauptstadt von Äthiopien Addis Abeba, waren wir erstaunt, dass es riesige Kreuzungen mit Ampeln gibt, aber keiner, wirklich keiner mal bei Rot stehen bleibt. Noch erstaunlicher war allerdings, dass es trotzdem funktioniert hat. In Sudans Hauptstadt Karthoum war zwar auch viel Verkehr, aber da hatten wir immer das Gefühl auf einer vierspurigen Straße ohne Abbiegemöglichkeit unterwegs zu sein. Das ist dann gar nicht lustig, wenn man sich verfahren hat und aus dem Strom der Fahrzeuge nicht mehr herauskommt.

Alles was geht

Alles was geht

Alles was geht 2

Alles was geht 2

Bepacktes Auto in Tansania

Bepacktes Auto in Tansania

Am meisten aufpassen muss man in der Stadt und auch auf dem Land auf die besagten Matatus, denn die sind immer fix unterwegs. Und steht ein Kunde am Straßenrand, dann bremst man und hält an. Warum blinken? Der Fahrer ist ja froh wenn wenigstens das Bremslicht funktioniert. In die selbe Kategorie fallen die sogenannten Überlandbusse. Die transportieren Kind und Kegel und das dazugehörende Gepäck meist von einer Stadt zur nächsten. Der Fahrplan scheint straff zu sein, denn sie donnern häufig mit über 100 Stundenkilometern an uns vorbei. Ach ja, und da sind auch noch die LKW. Seitdem wir nun selbst LKW-Erfahrung haben, können wir die etwas besser einschätzen. Aber hier in Afrika sind solche Fahrzeuge nicht beladen unter Berücksichtigung des maximalen Ladegewichts sondern eher unter dem Aspekt „alles was geht“. Dadurch sind LKW auf Steigungsstrecken immer recht langsam unterwegs und in Serpentinen auch schwer zu überholen. Nicht selten überhitzen dann die Bremsen und die LKW landen im Graben. In Afrika auch „Roll-Over“ genannt. Derartige Gefahrenstellen werden für den nachfolgenden Verkehr mit Ästen gekennzeichnet, die auf die Fahrbahn gelegt werden. Frische Äste bedeuten eine erst kürzlich eingetretene Gefahr und vertrocknete Äste schon eine länger bestehende Gefahr.

Äste als Warndreiecke

Äste als Warndreiecke

Unsere ganz persönliche Herausforderung ist die Größe von Rhino. Wenn der Weg mal direkt durchs Dorf zum Traumstrand führt, dann muss Tom schon mal zentimetergenau um Hütten und Verkaufsstände zirkeln. Aber es ist dann nicht nur die Breite von 2,20 Metern sondern auch die Höhe von 3,50 Meter zu berücksichtigen. Stromkabel und Telefonleitungen werden in Afrika halt nicht immer professionell verlegt, sondern gerne schon mal wie eine Wäscheleine von Hütte zu Hütte gespannt. Eine Telefonleitung haben wir auch schon übersehen. Das hat dann eine kleine Diskussion mit dem Telefonbesitzer und am Ende rund 10 Euro gekostet.

Bewachte Dieselausgabe in Malawi

Bewachte Dieselausgabe in Malawi

Ein Aspekt allerdings, über den wir uns vor der Reise Gedanken gemacht haben, hat sich als bisher problemlos herausgestellt. Die Benzinversorgung. Wie oft hatten wir von Versorgungsproblemen gehört und wie froh waren wir über unsere Reichweite von 2.000 Kilometern. Doch in der Tat hatten wir bisher nur einmal Schwierigkeiten Diesel zu bekommen und zwar in der Hauptstadt von Malawi, in Lilongwe. Wir hatten uns schon gewundert, warum an einer Tankstelle so eine Schlange war. Also haben wir uns auch eine Tankstelle mit „Schlange“ ausgesucht, denn die anderen hatten schon keinen Diesel mehr. Nach einer Stunde waren wir dann endlich dran und haben nur 150 Liter getankt – dann war allerdings der Tank der Tankstelle leer und alle Autos die hinter uns standen, haben keinen Sprit mehr bekommen. Das Preisniveau von Diesel hat hier in Afrika auf der Ostroute ein Nord-Südgefälle. Konnten wir in Ägypten den Liter Diesel noch für 14 Eurocent kaufen, so wurde in jedem südlicheren Land der Diesel teurer. Bisher teuerstes Land ist Malawi mit 1,30 Euro.

Schlappen- und TShirtverkauf

Schlappen- und TShirtverkauf

und sonstige Klamotten

und sonstige Klamotten

Aber nicht nur Sprit kann direkt an der Straße gekauft werden. Obst und Gemüse, je nach Anbaugebiet und Jahreszeit. Körbe, Teppiche, Töpferwaren, Möbel, Fisch, Holzkohle und vieles mehr wird von den Einheimischen kunstvoll drapiert und angeboten. Da die afrikanischen Straßen auch an Reifen und sonstigem Material nagen, sind natürlich auch Reifenreparaturstätten, Schweißereien und sonstige Werkstätten vertreten.

Verkaufsstand für Körbe

Holzkohleverkauf

Holzkohleverkauf

Reifenservice direkt an der Straße

Reifenservice direkt an der Straße

Daher wird es uns auf afrikanischen Straßen nie langweilig, es gibt immer etwas zu sehen oder auf etwas zu achten. Und wenn es „nur“ die umwerfenste Landschaft ist, die wir jemals gesehen haben.

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7 Antworten to “Afrikanischer Straßenalltag”

  1. Ingo (B-O-M) 25. Februar 2011 um 19:57 #

    Oh ein neues Headerfoto. Ist eigentlich überall in Afrika Linksverkehr?

    • gotoafrica2010 25. Februar 2011 um 20:16 #

      Also, Linksverkehr hatten wir bisher in: Kenia, Tansania, Malawi und Mosambik. Wir haben uns inzwischen schon gut daran gewöhnt, ist überhaupt kein Problem mehr; nur beim Überholen muss Dag mir etwas assistieren…
      In Südafrika ist (glaube ich) auch Linksverkehr. In Namibia weiss ich nicht…

  2. Gerd 25. Februar 2011 um 21:14 #

    Ja,ja, wenn einer (oder zwei) eine Reise tut. Sehr gelungene Darstellung über den Straßenverkehr in Afrika. Wie sieht es eigentlich mit der allgemeinen Führerscheinpflicht in den Ländern aus? Gibt es auch Fahrschulen? Auf welchen Autos wird die Fahrstunde absolviert? Wie ist die Durchfallquote? Fragen über Fragen…

  3. Ingo 25. Februar 2011 um 23:10 #

    Warum sind die Fotos jetzt in schwarzweiss?! Ist der Kamera die Farbpatrone ausgegangen? Bin ich farbenblind? Soll das besser aussehen? Das ist doch mal ein Rätsel, das man nicht ergoogeln kann!

    • Dagmar 26. Februar 2011 um 13:40 #

      Hi Ingo,
      wir wollten nur mal testen, ob euch was auffällt. Nein, Scherz beiseite, es waren künstlerische Aspekte. Die Farben Schwarz und Weiss stehen für gut und schlecht, pro und contra. Die Farbe grau für den Alltag. Zudem wollte ich mit den Schwarzweissbildern erreichen, dass diese sich hinter den Text stellen und so der Haupt-Augenmerk auf dem Text liegt.
      Schöne Grüße sendet DAG

  4. Johannes 26. Februar 2011 um 15:31 #

    Ja, sehr interesant, diese Straßenverhältnisse. Haben auch bei mir wieder Erinnerungen geweckt. Doch bei unserem Winter gab es auch hier einige Abwechslung auf der Straße. Die Schwarz-Weißbilder sind echt passend zum Bericht, find ich gut. Die Führerscheinpflicht würde mich allerdings auch mal interessieren. Als ich 2001 das letzte mal in Tansania war hab ich, soweit ich mich erinnern kann, hier und da Fahrschulwagen gesehen. Aber ob die Fahrschule verpflichten ist, weiß ich auch nicht. Auf jedenfall wünsch ich Euch beiden immer gute Fahrt und weiterhin eine Erlebnissreiche Reise. Bis dann mal wieder.
    Schöne Grüße von
    Johannes

  5. Rolf 27. Februar 2011 um 12:12 #

    Ein recht guter Strassenzustands- und Verkehrsbericht von bisher befahrenen afrikanischen Wegen bei schlauer Nutzung begleitender Polizei. So behütet und beschützt, also risikolos, reist ja nicht mal ein hoher Staatsgast. Mithin seid Ihr daher etwas wie Glückspilze. Mal weiter so. Rolf.

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