Pemba, ein Inselabenteuer mit dem Fahrrad, Teil 1

25 Jan

Bericht von Dag

Der Reiseführer beschreibt die Insel auf 7 Seiten – für Sansibar nimmt er sich rund 50 Seiten „Zeit“. Beide Inseln sind ungefähr gleich groß; rund 70 Kilometer lang und bis zu 20 Kilometer breit. Gelegen im Indischen Ozean, halten die Inseln alles für ein exotisches Inselabenteuer bereit – Orte mystischer Geschichten, weiße Strände, türkisblaues Meer und traumhafte Sonnenuntergänge.


Unser Abenteuer beginnt schon am Festland, im Hafen von Tanga. Einmal pro Woche geht hier die einzige Fähre Dienstag Morgens um 8.00 Uhr los. Es sei denn, in der Woche ist ein islamischer Feiertag, dann fällt sie aus.

Tom wartet bei der Verladung

Das Schiff ist hochbeladen mit den Versorgungsgütern für Pemba, mit den Dingen, die es auf der Insel nicht gibt. Auch die Passagiere sind voll bepackt. In Kartons hört man Küken piepsen, große Taschen und Koffer werden die Gangway rauf geschleppt und alle sehen ein wenig „fein“ gemacht aus. Das gute O&G Hemd sitzt neben Schuhen von Gutschi und kleine Mädchen rennen in weißen, langen Kleidern über das Deck. Wir haben die preiswerteste Möglichkeit, die Deckspassage für 20 Dollar pro Person, gebucht. Und so finden auch wir in einer Ecke Platz in dem bunten Treiben, auf einem Schiff das man in Deutschland wahrscheinlich als „Seelenverkäufer“ bezeichnen würde.

Kurz nach der Havarie

Punkt 8.00 Uhr tutet das Schiff und mit ein wenig Verspätung wirft der Kapitän dann den Motor an. Oder ist es vielleicht der Auszubildende, denn das fragen wir uns, als beim Ablegen das Schiff mit dem Bug in die Hafenmauer fährt. Nach der Anzahl der Beschädigungen an der Mauer zu urteilen, ist das nicht zum ersten Mal passiert und gehört daher vielleicht zum Manöver. Als das Schiff dann den Rückwärtsgang einlegt, ein daneben vertäutes Schiff rammt und dessen Reling beschädigt, entfährt mir der Satz „Ich glaube wir sinken noch im Hafen“. Aber irgendwie schaffen wir es dann doch aus dem Hafen und es weht uns eine steife Brise entgegen. Die Mitreisenden packen Essenssachen aus und man quatscht und lacht. Ein Keksverkäufer preist lautstark seine Waren an. Und über allem schwebt lautstark eine afrikanische Daily-Soap aus dem Fernseher im Stil von Bollywood. Dort wird geliebt, gelacht, geweint und die Zuschauer hängen fasziniert an den Lippen der Schauspieler.
Als der Wind stärker und die Wellen höher werden, taucht der Keksverkäufer wieder auf. Diesmal hat er nur schwarze Plastiktüten im Angebot, die er kostenlos abgibt. Es wird ruhiger an Bord und die Snacks werden weggepackt. Einige legen sich auf den Boden und versuchen die vierstündige Überfahrt und den Seegang zu „verschlafen“. Andere blicken starr vor sich hin und dann werden auch schon die ersten Tüten gefüllt. Der Keksverkäufer erschient erneut und diesmal preist er weiter kleine Kuchen an. Doch niemand hat mehr Interesse. Erst als er mit kleinen Koranheftchen erscheint, lebt sein Geschäft wieder ein wenig auf.

Die Fähre

Die Fahrt endet so wie sie angefangen hat, in Pembas Hafenstadt Wete: mit Verspätung und einem schwierigen Hafenmanöver. In Afrika hat man bei solchen Sachen sehr oft das Gefühl, die machen das hier zum ersten Mal! Unser Fahrräder kommen dann aber wohl behalten an Land und nachdem wir uns im Imigrationbüro registriert haben lassen, fahren wir zu unserer ersten Herberge, dem Sharook Guesthouse.

Das Sharook Guesthouse in Wete

Es ist ein einfaches, aber sauberes Haus und wir haben sogar ein eigenes Badezimmer sowie ein Mückennetz über dem Bett. Wir stellen die Räder ab, machen uns ein wenig frisch und erkunden die Stadt zu Fuß. Wie wir nur kurze Zeit später feststellen, hätte sich fahren auch nicht gelohnt. Es gibt ein paar Dukas (Tante-Emma-Läden), Imbisse, Eisenwarenläden und zwei Moscheen. Keine Souvenirverkäufer, keine Postkarten-Stände und wir werden auch nicht ständig angequatscht. Es liegt eher die gleiche freundliche Neugier in den Blicken, die wir als einzige Weiße, als „Muzungu“ an Bord geerntet haben. Auf Swahili ist das nämlich der Name für alle Weißen und bedeutet eigentlich Herumtreiber. Nun, wir sind ja in der Tat Herumtreiber und mit ein wenig Afrikaerfahrung im Gepäck wissen wir, dass Muzungu kein Schimpfwort ist.
Unseren Hunger wollen wir in einem Imbiss stillen, was aber schwieriger ist als gedacht. Da es keine Menuekarte gibt, fragen wir danach, was denn so im Angebot ist. „Yes you can eat“. Aha, aber was gibt es denn? Da niemand im Lokal ist und wir daher nicht auf einen Teller zeigen können, fangen wir mal mit dem einfachsten an „Do you have sandwich“? „No“ Der Kellner schaut freundlich, redet aber leider nicht weiter. Da sehe ich indisches Fladenbrot, Chapati, in der Theke liegen. „Do you have Chapati? With Egg?“ Ein Strahlen geht über sein Gesicht als er „Yes“ sagt und auch schon verschwunden ist. Die Getränke haben wir dann später noch bestellt. Zusammen für rund 2,50 Euro bekommen wir sogar noch ein Portion Pommes und jeder eine Soda dazu. Wir sind satt und haben gegessen als ein schwedisches Rucksack-Pärchen reinkommt. Auch dort die gleiche Story, nur leider sehen sie die Chapatis nicht und kommen daher nicht über die Fanta hinaus. Hungrig und ein wenig genervt verlassen die beiden das Lokal wieder.
Später fahren wir mit dem Rad noch ein wenig in Wetes Umgebung und wollen einen Strand finden für den Sonnenuntergang. Nun sind wir ja nicht gerade seit gestern unterwegs, aber was soll ich sagen, wir haben keinen Weg an den Strand gefunden und da konnte auch das GPS und alles Fragen am Straßenrand nicht helfen. In dem Gewirr von Wegen verfahren wir uns dann auch noch und landen in einem ganz einfachen Viertel, in dem sich das gesamte Leben auf der Straße abspielt. Und wir mitten drin. Da werden Kinder hochgehoben, andere laufen verschreckt weg, lachen und winken. Wir kommen uns vor wie Kolumbus, der auf die Indianer trifft. Also radeln wir winkend und „Jambo“ rufend durch die Vorstadt. Mit den letzten Sonnenstrahlen erreichen wir wieder die Pension. Wir lesen noch ein wenig im Reiseführer „Wete hat für Touristen kaum etwas zu bieten“ und planen unseren nächsten Tag. So gegen 19.30 Uhr machen wir uns mit Taschenlampe auf in die Stadt und suchen ein Restaurant. In meinem Kopf ist es ein kleines nettes und es gibt frischen Fisch vom Grill. Dazu geröstete Süßkartoffeln und einen leckeren Salat. Klein ist das Restaurant in der Tat was wir dann finden, aber um diese Uhrzeit gibt es leider nichts mehr zu Essen. Küche geschlossen. Gerne könnten wir aber was trinken. Wir bestellen eine Fanta und eine Sprite. Nein, Fanta und Sprite hätten sie nicht. Nein, Bier auch nicht, das wäre mit dem Islam nicht vereinbar. Als die Auswahl nur zwischen Coca Cola und Wasser besteht, verlassen wir das Restaurant. Inzwischen ist die schwachbeleuchtete Straße fast menschenleer. Ein einziger Laden hat noch auf und den steuern wir dann für unser „Abendessen“ an. Als ich zwei Bounty, eine Fanta und eine Sprite bezahle, stößt mich Tom an und sagt: „Guck mal, hier gibt es sogar Nutella!“ Mitten auf dem obersten Regal stehen zwei wunderschöne 375 Gramm-Gläser. Der arabische Händler strahlt Tom an und meint, dafür würde er immer zum Festland fahren. Nutella gäbe es hier auf Pemba nur bei ihm. Herzlich werden wir verabschiedet und wir verziehen uns mit unseren Einkäufen in das Guesthouse und ins Bett. Wir verbringen eine heiße Nacht bei gefühlten 35 Grad und werden gegen 4.30 Uhr vom Muezzin geweckt. Ach ja, nebenan war ja eine der beiden Moscheen.
Zum Frühstück erscheint der Inhaber, Herr Sharook persönlich.

Herr Sharook und Tom

Es gibt Saft, Obst und frisches Brot, doch dann trauen wir unseren Augen nicht: ein jungfräuliches 375 Gramm-Glas Nutella. „Ja, aber das gibt es doch nur…“ „Yes,yes“ nickt Herr Sharook und lachend entblößt er seine letzten Zähne. Die Welt ist halt ein Dorf und wir fallen als Muzungus einfach auf. Und wenn dann noch jemand ein Nutella-Glas so schmachtend anguckt wie Tom, dann weiß der arabische Händler, dass wir bestimmt im Sharook Guesthouse um die Ecke wohnen. Und dann sagt der dem Besitzer, dass Tom gerne Nutella ißt. Soweit unsere „mystische Geschichte“ Teil 1.

Tom im Glück

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2 Antworten to “Pemba, ein Inselabenteuer mit dem Fahrrad, Teil 1”

  1. Rolf 3. Februar 2011 um 12:39 #

    Es ist doch sehr erfreulich, daß Euer Nutella-Fan auch im tiefsten Afrika, im abgelegenen Pemba, zu seinem geliebten Schleckerzeug kommt.Ganz guten Appetit.
    Wir wissen ja, daß Ihr für Eure Reise wirklich gut ausgerüstet seid. Sogar Schlangenbissgegengift gehört und Ähnliches gehört dazu. Habt Ihr denn auch gut Schwimmwesten dabei? Wenn nicht, empfehlen wir baldiges Nachrüsten. Man weiss ja nie, was Alles noch so kommt. Gute Reise weiterhin. Rolf.

  2. Alina 3. Februar 2011 um 14:12 #

    …der mit abstand BESTE bericht eurer reise. das kopfkino zur fährüberfahrt ist einfach unersetzbar.
    habe tränen gelacht 😀

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