Sudan – good times are over?

28 Okt

Bericht von Dag

Wie toll es doch klingt „Wir sehen uns im Blue Nile Sailing Club in Khartoum“. Denn so verabschieden wir uns von den anderen „Overlandern“ der Aswan-Wadi Halfa Fähre. Sie alle haben, bestimmt genau wie wir, schon viele Bücher gelesen, die besagen, dass sich an diesem Ort die Travellerszene trifft und jeder kennt die GPS-Koordinaten.

Ich denke dabei an einen kühlen Drink ohne Alkohol auf einer Terrasse direkt am Nil. Nach jetzt bereits fünf Wochen langer Reise durch Staub und Hitze, denke ich seltsamerweise gar nicht zuerst an eine Dusche oder eine saubere Toilette.

Als wir nach einer anstrengenden Fahrt in der 8-Millionenmetropole ankommen und auch recht schnell den Club finden, bin ich total enttäuscht. Ein großer, staubiger Platz am Nil, abgezäunt, ein paar Bäume, lieblos liegen Boote in schlechtem Zustand herum, ein paar Stühle stehen im Schatten. Die ganze Anlage macht einen verwahrlosten Eindruck. Warum berichten Traveller so toll von hier? Auch wenn ich im Unperfekten, manchmal in unserem Sinne ungepflegtem, im Ausland oft den Charme sehe, hier sehe ich es nicht. Trotzdem werden wir hier die Nacht verbringen, denn der Platz hat den Vorteil, dass wir von hier zu Fuß ins Zentrum kommen. Der stolze Übernachtungspreis von 15 US Dollar stimmt mich auch nicht gerade besser.

Wir verlassen den Platz stadteinwärts, als plötzlich der gerade noch so tosende Verkehr einfach endet. Vor uns und hinter uns ist die Straße abgesperrt. Nichts ahnend gehen wir weiter, als eine Polizei-Eskorte einen dunklen 7er BMW und einige andere Fahrzeuge mit weit über 100 Stundenkilometern begleitet. Wir sind gerade dem Präsidenten des Sudan, Omar Al-Bashir, begegnet. Er regiert seit nun 13 Jahren das flächenmäßig größte Land Afrikas. Im Januar stehen Neuwahlen an und er wird wieder kandidieren. Seine Chancen stehen nicht schlecht, denn seitdem Anfang des Jahres 2000 Öl im Sudan gefunden wurde, erlebt das Land einen Aufschwung.

Weiterhin schwelen aber die Konflikte zwischen dem reichen, arabischen Norden und dem armen, afrikanischen Süden sowie der Kampf um die Dafur-Region. Die 40 Millionen Einwohner sprechen 100 verschiedene Sprachen und es gibt etwa 19 Ethnien. Amtssprache ist arabisch und wir sind erstaunt, dass wir immer wieder auf Menschen mit gewissen Englischkenntnissen treffen.

Seitdem wir im Land sind, haben wir das Gefühl, dass dieses Land im Wandel ist. Es gibt zur Zeit nur einen einzigen halbwegs aktuellen Reiseführer über den Sudan (aus September 2008) und der ist englischsprachig. Nach gründlichem Studium des Führers fühlten wir uns vorbereitet. Vorbereitet auf ein staubiges, heißes Land, in dem Trinkwasser in Flaschen teuer und schwer zu bekommen ist. Auf ein Land mit schlechten Straßen, Benzinversorgungsproblemen und sehr gastfreundlichen Menschen. Staubig und heiß, das ist es in der Tat, selbst jetzt im Oktober noch. Aber wir sind erstaunt über die Versorgungslage. Selbst in Wadi Halfa, einem kleinen Wüstendorf, das wahrscheinlich nur existiert, weil dort einmal wöchentlich die Fähre aus Ägypten ankommt, gibt es in jedem Laden Wasser und sogar eisgekühlte Coca Cola zu kaufen. Mag sein, dass die Preise für die Sudanesen hoch sind, für uns sind sie niedrig.

Schon auf der Fähre haben wir die ersten Kontakte zu Sudanesen geknüpft, um etwas über den Zustand der Straßen herauszubekommen. Immer wieder hören wir „good road“ und tatsächlich, als wir Wadi Halfa verlassen, treffen wir auf nagelneue Asphaltstraße. Auch weiter im Landesinneren, wo es eigentlich eine Desert-Road geben sollte, ist die Straße in bestem, weil nagelneuem Zustand. In einem so guten Zustand, dass die Fahrt auf der fast schnurgeraden Strecke durch die Wüste fast einschläfernd wirkt. Wären da nicht plötzlich auftauchende Schilder wie „P in 1000 Metern“ sowie ein Zebrastreifen „in the middle of nowhere“, die uns herzlichem zum Lachen bringen.

Was wir allerdings bestätigen können, ist die Gastfreundlichkeit der Sudanesen. Tarib, unsere sudanesische Bekanntschaft von der Fähre, ließ uns nur gehen, nachdem wir mehrfach versprochen haben, ihn zu besuchen. Fragen wir Menschen nach einem Geschäft oder dem Weg, begleiten sie uns oft ein Stück, bringen uns bis zum gesuchten Ort und versuchen sich in Smalltalk.

Hier in der Stadt prägen auch die weißen Jelaba der Männer nicht mehr das Bild. Männer tragen lange Hosen und Hemden und immer wieder sieht man sogar unverschleierte Frauen. Und das in einem Land, in dem 70 % der Bevölkerung moslemisch sind. Vielleicht ist auch die Religion oder die Religiösität der Menschen im Wandel begriffen. Als wir Tarib fragen, ob er religiös sei, bestätigt er dies aus vollem Herzen. Auf die Fragen nach den Grundpflichten des Islams bekommt er aber nur drei von fünf* zusammen.

Ob die guten Zeiten nun vorbei sind oder gerade erst anbrechen, wir können es nicht beurteilen. Als Reisende finden wir eine Fähre über den Nil viel romantischer als eine breite Brücke. Als Einheimischer ist man aber froh über die neue Brücke. Dass die Möglichkeiten des Konsums auch Umweltverschmutzung mit sich bringen, wissen wir. Als deutsche Mülltrenner werden wir uns wohl nie daran gewöhnen können, dass man Müll einfach fallen lässt. Und im Blue Nile Sailing Club sind die guten Zeiten auf jeden Fall vorbei.

Wir wünschen dem Land, das heute noch vielfach nur Transitland für Afrika-Reisende von Nord nach Süd ist, dass es sich entwickelt und die vielen kleinen und großen Probleme in den Griff bekommt. Dann wird es vielleicht auch einmal ein Land, in das Touristen reisen, um die Pyramiden von Meroe zu besuchen, oder die dann hoffentlich noch vorhandene Gastfreundschaft der Sudanesen kennenzulernen.

 
* Die fünf islamischen Grundpflichten sind nur einen Gott zu haben, fünf mal am Tag zu beten, den Ramadan und das Fasten einzuhalten, Almosen zu geben und die Pilgerfahrt nach Mekka.

PS: Die anderen Bilder zu diesem Artikel folgen, sobald wir ein schnelleres Internet-Cafe gefunden haben. Hier wo wir momentan sind dauert es 15 min pro Bild… gaehn…

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4 Antworten to “Sudan – good times are over?”

  1. Rolf 28. Oktober 2010 um 11:08 #

    Hallo, hallo!

    Von Dir, Dagmar, stammt ja der Ausspruch: das Gkück ist
    mit die Doofen. Kein Kommentar dazu. Aber ist es nicht toll, wie sich die Infrastruktur verändert hat? Wird Eure
    Reise dadurch doch sicherlich einfacher Aber nicht gleich toll duschen wollen? Alter Sauberkeitsfan.
    Viel Spass weiterhin . Rolf.

    • gotoafrica2010 28. Oktober 2010 um 11:51 #

      Hi Rolf, einerseits sicher toll. Aber zu einfach wollten wir es doch auch nicht haben :-). Du mittags im Internet?
      Gruesse aus Gonder Dag

      • Ingo Girod 29. Oktober 2010 um 22:41 #

        Ich lese gerade, dass Gonder auf 2133 Meter (m ü.NHN) liegt! Da wird die Luft ja schon dünner. Quasi permanentes Höhentraining.
        Und 220.000 EW – das ist ja wie Bielefeld.
        Obwohl, Bielefeld gibt es ja gar nicht…

  2. Marion 28. Oktober 2010 um 13:26 #

    Ihr Lieben, schön, von Euch zu hören bzw. zu lesen. Wenn Ihr in diesem Tempo weiter fahrt, seid ihr ja spätestens Weihnachten am Ziel angekommen. Gibt es bei Euch neben den Zebrastreifen (oder war es ein einfach nur ein verlorenes Fell?) keine Geschwindigkeitsbegrenzung?
    LG, Marion

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